Folgeschwangerschaft nach dem Verlust eines Kindes durch Fehlgeburt, Totgeburt oder Neugeborenentod  
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TAGEBUCH ... aus der ersten Folgeschwangerschaft, 2007

 

17. Juni: Momentan ist es bei uns sehr durcheinander – ich bin nämlich schwanger. Eigentlich ein Grund zum wahnsinnig Freuen, aber schlimme Angstattacken machen momentan alles Schöne zunichte. Ich bin jedenfalls krank geschrieben und zu Hause.
 

18. Juni: Rückblick - Ich hab schon vor längerem positiv getestet, dachte aber, dass das mein Medikament ist, was den Test verfälscht. Man hat zu diesem Zeitpunkt (6. Woche) auch noch nichts Richtiges gesehen. Jetzt - Diese Woche waren dann die Alpträume so schlimm, dass ich bei meiner Ärztin war und mich dort erst mal eine Stunde ausgeheult habe. Sie war sehr fürsorglich und meinte, das hätte sie sich schon gedacht, dass es mir richtig schlecht gehen würde, wenn ich erst schwanger bin, das sei völlig normal. Sie hat dann auch Ultraschall gemacht und zu meiner sehr positiven Überraschung hab ich das Herz schlagen sehen, schon am Anfang der 7. Woche. Ich fühle mich ansonsten überhaupt nicht schwanger (keine Übelkeit oder so), nur der Bauch wächst sehr deutlich und ich bin todmüde. Mein Gefühl sagt, dass es eher ein Junge ist. Aber das kann auch der Wunsch sein, denn je weniger Parallelen zur letzten Schwangerschaft, desto besser. In der nächsten Woche darf ich gleich wiederkommen zum Arzt. Ich fand sehr schön, dass die Ärztin gleich gemeint hat, das täte mir bestimmt ganz gut. Ansonsten soll ich mich melden, wenn ich Hilfe brauche. Heute hab ich leider wieder eine schreckliche Nacht hinter mir - wieder ein totes Kind, wieder dieses ganze Entsetzen. Ich bin total am Ende meiner Kräfte und hab ein ganz schlechtes Gewissen, dass das dem Baby schadet. Ich möchte mich momentan einfach nur vergraben und das Gefühl bekommen, dass ich mit der Zeit schon von allein ruhiger werde. Ich hab das Gefühl, dass ich erst mal über den Punkt hinweg kommen muss, an dem ich eher glaube, dass das Baby sterben wird, als das wir eine Chance auf ein gemeinsames Leben haben. Ich bin irgendwie so verzweifelt, dass das hier sooo anders ist als meine anderen Schwangerschaften.

 
20. Juli: Die neue Schwangerschaft in Verbindung mit Lillys Geburtstag, der unaufhaltsam näher rückt, bindet alle meine Kraft. Ich habe gedacht, zum zweiten Geburtstag wäre es besser, aber das empfinde ich jetzt gar nicht so. Es tut so weh, dass sie immer weiter ‚verschwindet’, da nützt alles ‚ihr Platz in meinem Herzen’ nichts. Wie kann jemand, der so vieles umgekrempelt hat, für außen einfach nicht mehr existieren? Ich habe jetzt zum Glück eine Hebamme, die ausgesprochen nett ist. Nächste Woche geht sie mit mir zu einem ersten Klinikbesuch.
 
26. Juli: Der Termin im Krankenhaus war in Ordnung, wenngleich ich als Erstes literweise Tränen verschüttet hab – weil Krankenhäuser so schreckliche Erinnerungen wecken, weil ich Angst habe, dass noch mal was passiert, weil ich in der Kapelle war, wo die Gedenkgottesdienste sind. Nachdem meine Hebamme die Chefärztin vorgewarnt hatte, dass ich etwas zu kämpfen habe, musste ich meine Geschichte nicht noch mal erzählen, sondern die Ärztin las nur den OP-Bericht. Ihre eher burschikose Art, das weitere Vorgehen zu besprechen, tat mir gar nicht so schlecht, machte jedenfalls den Eindruck einer gewissen Routine und Selbstsicherheit was die erfolgreiche Betreuung betrifft. Die Ultraschall-Spezialistin war sehr nett und alle haben mir noch mal versichert, dass ich jederzeit kommen kann, wenn ich mal einen Ultraschall möchte oder ein ungutes Gefühl habe und auch die vorzeitige Einweisung ins Krankenhaus haben sie mir zugesichert. Ich merke übrigens ganz deutlich, dass diesmal die Kraft für das Baby genau bis zur Geburt reicht und weiter gehen meine Gedanken erst einmal gar nicht.
 
28. August: Unserem Baby geht’s gut und es hat sich geoutet: Samuel wird es werden.
 
11. September: Es geht mir gut, vor allem seit ich den Babywatcher habe. Mittlerweile bin ich auch ganz zuversichtlich, was die Schwangerschaft betrifft.
 
20. September: Mein Zuckertest war nicht so toll (Belastungstest mit Unterzuckerung + Ohnmacht), nun hab ich natürlich entsprechende Feinuntersuchungen. Samuel geht’s aber zum Glück gut.
 
17. Oktober: Erst im Laufe der letzten Wochen ist es mir gelungen, in der Schwangerschaft wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen und z.B. die geringe Narbendicke als Teil dieser Folgeschwangerschaft zu sehen, zu akzeptieren und auf die Zuversicht der Ärzte zu vertrauen. Dabei hat mir merkwürdigerweise geholfen, dass ich mich jetzt ganz endgültig für das Buchprojekt ‚Folgeschwangerschaft’ entschieden habe und dazu auch jede Menge gearbeitet. Es hilft mir sehr, mich so klar und irgendwie auch rational mit meinen Gefühlen und Gedanken auseinanderzusetzen und sie als nicht nur individuell, sondern als normal für eine Folgeschwangerschaft nach Verlust zu betrachten.
 
19. Oktober: Ich liege leider im Krankenhaus bis zur Geburt. Ich bin reichlich panisch, da hier momentan keiner über mehr als maximal 30 Wochen spricht und ich sonst eigentlich mit allen Fragen ziemlich allein bin.
 
2. Dezember: Ich bin jetzt in der 31. SSW und hatte eigentlich gehofft, dass ich viel ruhiger werde, wenn ich erstmal diese 30 Wochen überstanden hab. Ich hab mich zuerst auch unheimlich gefreut, aber seitdem geht es mir immer schlechter. Davor war klar, dass nur im absoluten Notfall die Geburt stattfinden würde, jetzt wird es zu einer Abwägegeschichte. Was, wenn der Kaiserschnitt jetzt gemacht würde und es ginge meinem Sohn schlecht oder er würde sterben? Was, wenn wir warten und es passiert dadurch etwas? Es scheint mir wie ein Roulettespiel und ich weiß nicht, was richtig und was falsch ist. Ich habe auch nicht nur Angst vor einer erneuten Ruptur, sondern auch vor anderen möglichen Problemen. Es ist einfach ganz schwer, zu glauben, dass wir in vier Wochen ein lebendes Baby im Arm halten. Ich fühle mich wie beim Luft anhalten und das ständig seit Wochen und noch für einige Wochen. Ich horche in mich hinein und weiß nicht mehr, fühlt sich das normal an oder nicht. Bewegt er sich zu viel, zu wenig, zu abgehackt? Gibt die Narbe nach, darf sie drücken, sind da ungewöhnliche Schmerzen? Ich will so gerne bis zu diesem Termin 34+0 durchhalten, zumal alle sagen, dass ja die letzten Geburten und die Ruptur in der 42. SSW waren und wir viel Abstand dazu hätten. Aber vielleicht ist mein Körper der denkbar schlechteste Ort für ihn? Das klingt bestimmt ganz verworren, aber ich muss es einfach mal loswerden und hier im Krankenhaus gibt es zwar für jedes körperliche Zeichen eine medizinische Routine, aber seelisch ist man ziemlich allein.
 
3. Dezember: Ich befürchte, meinem Mann geht’s noch schlechter als mir. Er sagt, dass er nicht mehr kann. Er hält einfach nur noch verstandesmäßig durch, weil wir wissen, dass jeder Tag für Samuel zählt. Einerseits bin ich total froh, dass er mir das offen sagt, andererseits sind zwei Mutlose auf einen Haufen auch nicht besser.
 
20. Dezember: Mein Mann ist mittlerweile völlig durch den Wind und mir geht’s gut, aber ich brauche alle meine Kraft, mich von seinem Genervt-, Ängstlich- und Polterigsein nicht beeinflussen zu lassen. Was bin ich froh, wenn endlich der 28. Dezember und damit der Kaiserschnitt ist. Samuels Schätzgewicht ist 2530g, das ist ja ordentlich. Mein OP-Team gibt es krankheitsbedingt leider nicht mehr, aber sie werden schon Ersatz finden.
 
28. Dezember, 15.18 Uhr: Wir haben es geschafft.
 
Geburtsbericht: Da war endlich der Tag X – 28.12. Ich fragte mich, wie ich überhaupt hatte annehmen können, dass man ja mal schauen könnte, wie die Narbe aussieht und dann vielleicht noch einige Tage warten. Nichts dergleichen ging mehr. Der 28.12. 8 Uhr war als Kaiserschnitttermin ausgemacht und meine Kraft reichte exakt bis zu diesem Zeitpunkt. Als uns morgens offenbart wurde, dass die OP um einige Zeit verschoben werde müsste, löste ich mich komplett auf. Ich konnte nicht mehr, nicht bis um 10 Uhr, nicht bis um 12 und erst recht nicht bis 15 Uhr, wo es dann schließlich erst losging. Ich war einfach nur noch am Ende, ängstlich, panisch. Ich hatte das Gefühl, nicht nach vorne und nicht zurück zu können. Um 14 Uhr wurden wir in den Kreißsaal zur Vorbereitung bestellt, 14.30 Uhr ging es zur OP-Vorbereitung, das heißt zum Legen der Spinalanästhesie. Diese wirkte auch sofort und sehr angenehm, es wurde ganz warm, wie kurz vor dem Einschlafen. Hätte ich nicht gewusst, dass hier gleich was ganz Entscheidendes in meinem Leben passiert – ich hätte liebend gern ein Nickerchen gemacht.15.18 Uhr: Samuel ist da. Mein Mann wirkte wahnsinnig erleichtert, geschafft, freudig, ängstlich, aufgeregt, einfach alles zugleich – ich war nur fertig und irgendwie nur noch halb da. Aber mir war klar, dass Samuel lebt und dass es ihm gut geht. Der Rest der OP lief gut und am Ende kamen die zwei Operateurinnen und meinten, es hätte alles gut ausgesehen für die Vorgeschichte. Zur Nachsorge wurde ich in den Kreißsaal zurückgebracht, aber Nachsorge gab es eigentlich nicht, weil die Babys im Krankenhaus an diesem Tag im Halbstundentakt purzelten. Mein Mann kam kurz und meinte, Samuel liege nun doch auf der Frühchenintensivstation, weil er Atmungsprobleme habe. Schon war ich wieder zurück in der Realität und meiner Angst. Ich wurde nach drei Stunden in meinem Bett auf die Intensivstation gefahren und konnte Samuel dort sehen. Erinnern kann ich mich aber nicht mehr richtig, ich war einfach sehr kaputt.
 
Wochenbettbericht bis 12. Januar: Die nächsten Tage verliefen schwieriger als gedacht. Ich nahm noch einiges an postoperativen Problemen mit, bekam Infusionen für den Kreislauf, eine Bluttransfusion, Antibiotika und alles Mögliche gegen meine unerträglichen Bauchschmerzen. Am schlimmsten aber war, dass ich nicht zu Samuel konnte, wie ich wollte. Alles in mir sagte trotz der durchweg positiven Nachrichten von ihm: Wieder kein Kind da. Ich konnte überhaupt nicht begreifen, dass alles gut gegangen war und ehrlich gesagt ändert sich dieser Zustand erst jetzt, wo ich weiß, dass er morgen nach Hause kommt. Die rationale Seite in mir weiß um den positiven Ausgang – meine emotionale Seite wehrt sich noch etwas gegen die Hoffnung und Zuversicht, wohl um sich zu schützen.
Die Liebe, die ich für Samuel empfinde, macht mir oft unheimliche Angst, weil ich weiß, wie viel ich zu verlieren habe.
Gerade in den ersten Tagen hatte mich der so leicht bezeichnete Babyblues auch völlig im Griff und ich war froh und dankbar niemanden sehen oder hören zu müssen. Es war einfach alles zu viel und elf Wochen Krankenhaus, Geburt und die Erkenntnis, dass auch Samuel Lilly nicht zurückbringen würde, stürzten über mir zusammen. Ich merkte auch, dass einen einholt, was man noch nicht wirklich aufgearbeitet hat in der Trauer. So hatte ich permanent Panik, ich könne etwas falsch machen, was ihn sterben lässt. Mein Mann hat mir in der Zeit unheimlich geholfen. Er ist ein ganz selbstverständlicher und selbstsicherer Papa und ein toller 'Wochenbettmanager'.
Nach zehn Tagen kam dann eine völlig ungeliebte Entscheidung auf mich zu – ich musste nach Hause, da anderes für die großen Kinder einfach ungünstig gewesen wäre. Ich hatte schon vor der Geburt gesagt, dass ich das auf keinen Fall möchte, es war aber dann gar nicht so schlimm. Alle Leute gingen davon aus, dass alles gut gegangen ist und niemand wich mir (ohne Kind auf dem Arm) aus, weil er vielleicht hätte denken können, es sei wieder etwas Schlimmes passiert. Ich war als erstes auf dem Friedhof und seitdem ist es in Ordnung. Ich weiß, dass sie noch in mir ist, dass es kein Entweder-Oder gibt.
Zu Hause hatte mich der Alltag sofort wieder, was ganz gut war, denn die Zeit ohne Samuel fiel mir ungeheuer schwer. Ganz oft fühlte ich – obwohl es ja dieses Mal nur eine Verschiebung ist – erneut dieses Verlustgefühl. Meine größte Angst war dann, ihn nicht stillen zu können. Ich hatte das Gefühl, das sei das Einzige, was ich für ihn tun könnte. Dafür habe ich mit aller Kraft gekämpft. Und als das dann endlich nach einigen Anfangsschwierigkeiten gut lief, habe ich auch einen Teil meines Selbstbewusstseins und der Sicherheit, ich könne für ihn als Mama ausreichend da sein, wieder gewonnen. Das Stillen kompensiert einfach einen Teil der fehlenden Anfangszeit.
Ein zweiter wichtiger Schritt steht uns noch bevor: das erste Bad. Zum Glück ist Samuels Nabel noch nicht abgefallen, so wird er sein erstes Bad mit uns und zu Hause genießen und richtig ankommen.
Das ist dann auch der dritte Schritt – nach Hause kommen. Morgen ist der große Tag und ich glaube, dann wird sich sicher das Gefühl einstellen, dass er wirklich da ist und bleibt.

 


 

 

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